Fiktion

Romanauszüge

Bis die Heirat aus reiner Liebe etwa im 19. Jahrhundert zur Selbstverständlichkeit im christlichen Europa wurde, wurden Menschen zwangsverheiratet. Schon im Mittelalter galt die sogenannte Zwangsehe widerspruchslos als der ultimative Weg, zu Mann und Frau zu werden. Das hatte nicht selten vor allem ökonomische Beweggründe, doch auch der familiäre Druck, der hinter diesen Fällen steckte und teilweise immer noch steckt, ist nicht zu verachten. Auch wenn es nach wie vor Ehen in Deutschland gibt, die illegal unter dem Einfluss äußeren Drucks geschlossen werden, ist dennoch eine Entwicklung in eine Richtung erkennbar, die man als Autonomie bezeichnen kann.

Die Ehe, und auch nicht zeremoniell begleitete Liebesbeziehungen, scheinen ein Accessoire zu sein, der Hochzeitstag ein Spiel, auf das man auch mal Lust hatte, und das Treuegelübde lediglich eine Lüge, von der man schon beim Aussprechen weiß, wie frech sie ist. 

Frauen und Männer jeden Alters züchten sich gerne mal mindestens zwei Liebschaften parallel heran. Bis auf die übliche Angst, erwischt zu werden oder gelegentlich aufkommende Reuegefühle einem der Partner gegenüber, keine Skrupel.

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Es gab Momente, in denen Elena sich fragte, wieso das Ganze plötzlich so einfach war. Wieso sie nach achtzehn Jahren auf einmal nur laut aussprechen musste „Ich will einen Freund“, und noch ehe sie sich auf das Überangebot an Gefühlen einstellen konnte, war er da. Es war so einfach. So unspektakulär… Und sie fragte sich, ob „unspektakulär“ nach vier Jahren des Aufs und Abs mit einem Kerl, der sie vielleicht nie richtig wollte und den auch sie nie so richtig wollte, überhaupt ihr Ding war.

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Wenn sie genauer auf das Gefühl achtete, war es eine in der Magengegend schlagartig auftretende Kühle, die sich sonnenartig und lauwarm in alle Gliedmaßen ausbreitet und als intensives Hitzeempfinden auf der Hautoberfläche endet, auf der sie jedes einzelne Härchen, bis in die Ohrmuschel hinein, abrupt aufrichtet. 

Das Herz fängt fühlbar an zu hämmern, in der Kehle entsteht ein Lautstrudel, der anschwillt, drückt und sich schließlich als lächerliches Glucksen seinen Weg aus dem Körper des Betroffenen suchen wird. 

Die Wangen füllen sich unaufhaltsam mit Blut, wie bei einer Person, der man unsinniger Weise sagt, dass sie gerade rot wird. Die Augäpfel werden heiß und der Nacken schickt eine kribbelnde La-Ola-Welle die Wirbelsäule hinab. Die anderen Stimmen im Raum werden dumpfer. Sofort tritt kalter Schweiß auf die Handinnenflächen und der Teil des Hypothalamus, der das Hunger- und Durstempfinden regelt, wird kurzerhand ausgeschaltet.

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Aus dem Augenwinkel sah Elena, wie Lara auf eine Taste ihres Handys drückte, um das Display zu aktivieren, das ihr die Uhrzeit verraten würde. Halb neun und noch immer waren weder die Dozentin, noch eine Vertretung in Sicht. Es war still im Seminarraum, nur ein fernes Gemurmel von der gegenüberliegenden Seite ließ vermuten, dass sich hier bereits Personen befanden. Das Summen der Rastereinbauleuchten war auf eine Art beruhigend, aber auch auf eine kontraproduktive Weise einschläfernd.

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„Jemand eine Idee, was man Ivo zum Geburtstag schenken könnte?“, hörte sich Elena plötzlich lauter als erwartet in den Raum fragen. „Wie wäre es denn mal mit Männlichkeit?“, fühlte sich Luis prompt zu einer Antwort hingerissen. Er presste sich theatralisch eine Hand auf den Mund, pustete hörbar in sie hinein und zog die Augenbrauen nach oben, während er ausschweifend von links nach rechts schwenkte, um sich die Bestätigung seiner Sitznachbarn für diesen Spruch zu holen. „Oaaah, Luis, du hast se doch nicht mehr alle“ gähnte Lara und schüttelte gelangweilt den Kopf. Sie hatte ihr Gesicht inzwischen auf ihre linke Faust gestützt und scrollte mit der anderen Hand wahllos auf ihrem Handy herum. Luis hingegen faltete die Arme auf seinem Tisch und sah Elena herausfordernd grinsend in die Augen.

Diese fühlte sich im Nullkommanichts ertappt, erwartete bohrende Fragen und verurteilende Kommentare zu Ivo und sah sich zu nur einem Ausweg gezwungen: Luis zuzustimmen. Und Ivo damit zu verraten.

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In Gedanken versuchte sie, dreißig Sekunden abzuzählen und schob dann in Millimeterschritten das Handy unter der Decke in Richtung Wand. 

Sie konnte sehen, dass es bereits wieder leuchtete und einen hellen Rahmen um das verkehrt herum liegende Gerät bildete. Eine Nachricht von Ivo. Sie konnte auf keinen Fall riskieren, ihn jetzt an den Schlaf zu verlieren. Oder ihm gar das Gefühl zu vermitteln, etwas Falsches geschrieben zu haben. Sie stülpte die Lippen über die Zähne, zog tonlos den Atem ein und fischte mit zusammengekniffenen Augen das Handy unter der Decke hervor. 

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Die vernebelnde Übelkeit wich einer produktiven Klarheit, die sie geradewegs zur Tür laufen ließ, dem Schellen der Klingel entgegen, während sie ein letztes Mal überprüfte, ob die Parkplätze ihrer Eltern nach wie vor leer waren, und auch wenn sie spürte, dass sie nicht wusste, was sie als erstes zu ihm sagen sollte, war in diesem Moment nur noch eins in ihr übrig: Schmetterlinge. Und als Ivo, die rechte Hand am Lauf des Geländers, strahlend um die Ecke bog und ihr, immer zwei Stufen auf einmal nehmend entgegenlief, spürte Elena, wie sie die Lippen zusammenpresste, um das freudige Glucksen zu unterdrücken, das ihr im Hals steckte, als sie ihn sah. „Hi“ brachte er hervor und öffnete hilflos die Arme, in die er sie kurz darauf stürmisch schloss.

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Sein Streicheln war nicht das Streicheln eines Mannes, der dies öfter und ständig tat. Er wusste nicht, wie lange er wo verharren musste, wie schnell er sich zu bewegen hatte und welche Körperteile man zu welchem Zeitpunkt mit einband. 

Es war das Streicheln eines Jungen, der mit großer Sicherheit mit weit aufgerissenen Augen, zum Teil hochkonzentriert, zum Teil völlig weggetreten versuchte zu verarbeiten, wie sich der Körper einer Frau anfühlt. Gleichzeitig wollte er unbedingt mit Talent glänzen und ihr beweisen, dass er wisse, wie so etwas läuft.

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